Saure Tagebauseen in der Lausitz (Brandenburg)
Sogenannte „Rotseen“ sind keine natürlichen Seen, sondern Tagebaurestlöcher aus dem Braunkohlebergbau. Sie entstehen dort, wo spezifische geochemische Bedingungen zusammentreffen. Die Lausitz in Brandenburg gehört zu den Regionen in Deutschland, in denen solche Gewässer vorkommen.

Mich ziehen diese Orte an: Landschaften, die auf den ersten Blick karg und unwirtlich erscheinen und gerade dadurch eine eigene, schwer zu erklärende Faszination entfalten. Doch was genau führt zu dieser intensiven Rotfärbung – und welche Prozesse laufen in diesen Seen tatsächlich ab?

Diese Fragen werde ich in den folgenden Zeilen beantworten.
Entstehung: Vom Bergbau zur Restlandschaft
Die Braunkohleförderung in der Lausitz begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Anfangs wurde teilweise noch im Tiefbau gearbeitet, obwohl die Kohle relativ oberflächennah lag. Der Grund dafür lag in den technischen Grenzen der Zeit, insbesondere bei der Wasserhaltung.

Mit zunehmender Technisierung entwickelte sich der Abbau zum großflächigen Tagebau. Ein entscheidender Schritt war die Einführung von Abraumförderbrücken ab den 1920er Jahren. Diese ermöglichten es, Abraum kontinuierlich zu bewegen und direkt wieder zu verkippen.

Bis in die 1950er Jahre erreichte der Tagebau einen hohen Grad an Industrialisierung. Viele dieser Tagebaue wurden später eingestellt, oft weil die wirtschaftlich nutzbaren Kohlevorräte erschöpft waren oder die Qualität der Kohle abnahm.

Nach der Stilllegung füllten sich die Gruben mit Grundwasser. So sind viele heutige Restlöcher entstanden.
Landschaftsform: Kippen und Restlöcher
Die typische Landschaft solcher Gebiete ist kein Zufall, sondern direkt aus der Abbautechnik erklärbar:
- Hochkippen bestehen aus abgelagertem Abraum (häufig sandig, nährstoffarm)
- Restlöcher entstehen in den ausgekohlten Bereichen
- Die Anordnung wirkt oft bogen- oder ringförmig

Diese Struktur ergibt sich aus der Arbeitsweise der Fördertechnik: Der Abbau wanderte durch die Lagerstätte, während der Abraum seitlich oder rückwärts verkippt wurde.
So entstand ein System aus trockenen, erhöhten Kippenflächen und tiefer liegenden, später gefluteten Senken.

Warum manche dieser Seen rot sind
Die auffällige Rotfärbung ist das Ergebnis klar definierter geochemischer Prozesse.
Im Abraum befindet sich Pyrit (Eisensulfid). Sobald dieser mit Wasser und Sauerstoff reagiert, beginnt eine Oxidation:
- Es entsteht Schwefelsäure
- Eisen wird aus dem Gestein gelöst
- Der pH-Wert sinkt stark (teilweise unter 3)
Das Wasser wird dadurch extrem sauer und enthält hohe Konzentrationen an gelöstem Eisen und anderen Metallen.

Das Eisen oxidiert weiter und bildet Verbindungen, die das Wasser rot bis orange färben.
Solche Rotfärbungen treten vor allem dann auf, wenn:
- kein oder nur geringer Zu- und Abfluss vorhanden ist
- sich Stoffe im Wasser anreichern
- das System über längere Zeit stabil bleibt
Das Ergebnis ist ein oft klar wirkender, aber intensiv gefärbter See.

Fließgewässer: Das gleiche Wasser in einem anderen Zustand
In der Nähe solcher Restseen verlaufen häufig Entwässerungsgräben. Diese sammeln das Wasser aus mehreren Quellen und leiten es weiter.
Im Gegensatz zu den Seen handelt es sich dabei um fließende Systeme.
Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied:
Im fließenden Wasser fällt das gelöste Eisen aus.
Durch Bewegung, Sauerstoffeintrag und Mischung mit anderen Wässern wird das Eisen zu festen Partikeln (Eisenhydroxid). Diese bleiben als feine Schwebstoffe im Wasser.
Das führt zu einer typischen Erscheinung:
- graubraun
- milchig
- trüb
Der Unterschied lässt sich klar formulieren:
- In stehenden Seen ist Eisen überwiegend gelöst oder fein verteilt → klare rote Farbe
- In fließenden Gewässern liegt es als Partikel vor → trübe, milchige Optik
Wasser als Prozess
Das System lässt sich als Abfolge von Prozessen verstehen:
- Auf Kippen entsteht durch Verwitterung saures, eisenhaltiges Wasser
- Dieses sickert in die Restlöcher
- In den Seen wird es gespeichert
- Beim Abfluss oder bei Vermischung beginnt die Ausfällung
- In Gräben wird das Wasser transportiert und verändert
Die Landschaft funktioniert damit wie eine Kette von Reaktionsräumen.

Tiere in einer extremen Umgebung
Trotz der extremen Bedingungen im Wasser selbst ist die Umgebung solcher Seen oft erstaunlich lebendig.
Typische Beobachtungen sind:
- Wölfe
- Wildschweine
- Rotwild
- Reiher
Diese Tiere nutzen die Landschaft unterschiedlich:
- Wildschweine nutzen feuchten Schlamm zur Kühlung und Parasitenabwehr
- Rotwild nutzt die Vegetation und offene Flächen, meidet aber stark saures Wasser
- Wölfe profitieren von Ruhe und vorhandener Beute
- Reiher jagen in weniger belasteten Gewässern der Umgebung
Die Gewässer selbst sind für viele Arten ungeeignet, aber sie strukturieren die Landschaft und schaffen Lebensräume.

Vegetation auf Kippen
Die Böden auf den Kippen sind:
- nährstoffarm
- oft sauer
- trocken
Dort wachsen vor allem spezialisierte Pflanzen:
- Pionierarten
- Gräser
- Heidepflanzen
- Kiefern
Diese Vegetation ist die Grundlage für die weitere Entwicklung des Ökosystems.
Was es ist
Die Landschaften der Lausitz sind keine natürlichen Ökosysteme im ursprünglichen Sinn, sondern Ergebnisse industrieller Nutzung.
Sie vereinen:
- extreme Gewässerchemie
- karge Böden
- offene Flächen
- geringe Störung
Das schafft Raum für spezialisierte Arten und stabile Tierpopulationen.

Die Auslöser
Rot gefärbte Tagebauseen sind keine Einzelfälle, sondern entstehen überall dort, wo ähnliche geochemische Bedingungen vorliegen.
Sie sind Produkte von Bergbau, Chemie und Zeit.
Die Restlöcher selbst sind oft lebensfeindlich, aber sie erzeugen eine Landschaft, die insgesamt ökologisch wertvoll ist.
Quellen: