Ich habe mich an einem späten Abend im Mai an diesem Ort positioniert. Nicht, um ein einzelnes Bild zu machen, sondern um zu bleiben. Die Landschaft vor mir war ruhig, beinahe abwesend. Der See lag dunkel, schwer, ohne Kontur. Kein Geräusch, kein sichtbares Zeichen von Bewegung. In dieser Dunkelheit begann ich nachzudenken.

Während die Nacht fortschritt, war der Ort nicht leer. In meinem Geist trat das Dorf Stiebsdorf hervor. Ein Ort, der hier einmal existiert hat, mit Häusern, Wegen, Stimmen, Menschen. Die Nacht beflügelte meine Fantasie. Dort, wo heute Wasser ist, war Leben. Die Dunkelheit ließ diese Vergangenheit nicht verschwinden, sondern brachte sie auf einen Punkt. Sie machte mir den Verlust spürbar, ohne ihn sichtbar zu machen.
Gegen Morgen begann sich der Horizont langsam zu verändern. Noch bevor das Licht den See erreichte, zeichnete sich etwas ab. In der zunehmenden Morgenröte erschienen die Windräder des Windparks Kittlitz – zunächst nur als Silhouetten, als feine Linien im Hellen. Sie standen ruhig, fast zurückhaltend, und doch markierten sie eine klare Zäsur. Hier war der Übergang sichtbar: weg vom Tagebau, hin zu erneuerbaren Energien. Kein lauter Bruch, sondern ein leiser, technischer Eingriff in eine Landschaft, die bereits tiefgreifend verändert worden war.

Mit dem ersten wirklichen Licht offenbarte sich der See selbst. Der Stiebsdorfer See lag vor mir wie eine offene Fläche, glatt und unbewegt. In ihm spiegelten sich Bäume, Himmel und die Zeichen der neuen Nutzung. Der Sonnenaufgang machte sichtbar, was die Nacht nur angedeutet hatte: die klaffende Wunde, die der Braunkohleabbau hinterlassen hat. Der See ist kein natürliches Gewässer, sondern das Resultat eines Verschwindens. Er steht für das, was geopfert wurde, und zugleich für das, was danach möglich wurde.
Als die Sonne schließlich aufging, änderte sich die Stimmung vollständig. Die Landschaft wurde lesbar, beinahe freundlich. Ein neuer Tag begann. Doch diese Freundlichkeit ist nicht unschuldig. Sie trägt die Geschichte in sich, die des zerstörten Dorfes, der umgesiedelten Menschen, der industriellen Ausbeutung und des aktuellen Wandels. Die Transformation ist nicht abgeschlossen. Sie schreitet voran, sichtbar in der Technik am Horizont, spürbar im Wasser, das sich seinen Raum genommen hat.

Was bleibt, ist eine offene Bewegung. Diese Landschaft ist weder abgeschlossen noch eindeutig. Sie steht zwischen Erinnerung und Zukunft. Der neue Tag bringt kein Urteil, sondern eine Frage: Wohin geht diese Reise?

Quellen:
Stiebsdorf (WIKIPEDIA), LMBV.de, lfu.brandenburg.de, politische-bildung-brandenburg.de, Naturpark Niederlausitzer Landrücken